Thomas Schubert schreibt
NARR MIT WURST

Köln in lyrischer Not, der Poesiepilot

setzt zum Sturzflug an –Domplatte Nord.

Beflügelt von Wort und Aberwort,

landet der Vokalflamingo,

der Konsonantenkranich

mitten im sprachlos närrischen Treiben,

bereit, das Unbeschreibliche zu schreiben.

Rai, der Kunstkomplize,

der Farbenkamikaze,

animiert von kommenden Schriften,

zückt das bunte Magazin von Stiften.

Beschwört das magische Buch der Skizzen –

Szenenversuch, Bildergesuch,

Bleistiftkommando. Etwas zum Spitzen

von Graphit trägt der Blaugesichtige mit,

zieht es aus der Westentasche

verjährter Bleistiftasche.

Kurzer Verschwörerblick,

den die Kreativflieger tauschen.

Der heilige Tower erteilt Starterlaubnis.

Und dann sieht jedermann den Jet

aus Strich und Reim durchs Kölnall

Karneval rauschen.

 

Im Domschatten plötzlich,

inmitten von Fritten:

Erscheinung.

Vor der Backfischbude

ein fremdes, geheimnisvolles Licht,

darin ein vertrautes, vermisstes Gesicht:

TRUDE.

Ihr Blick, ihr Lachen:

Monstranz.

Du hattest Recht

HERR:

Niemals geht man so ganz.

 

Narr mit –wurst,

Brüh-, Brat- hat Durst.

Zwei Kölsch auf Ex.

Senfmund tut kund:

ALAAF!!!

 

Handgemaltes Schild

an der Kneipentür:

Leider keine Deckel heute.

Der Wirt kennt seine Leute

und die Sitten der Meute.

Liebt, wen ihr liebt.

Sagt, was ihr denkt.

Trinkt, was ihr trinkt,

schunkelt und singt,

bis ihr im Rausch versinkt.

Alles erlaubt,

wenn´s euch nur gefällt.

Aber die Zeche

für diesen Tag,

die wird nicht geprellt.

 

Grüne, schunkelnde Tribüne –

Typisch Kölsch.

Das Lachen friert

und taut und friert.

Ein Spielmann führt

sein Regiment

mit Schellenbaum,

mit Glockenspiel

durchs Strassengewühl.

Fanfaren hallen,

Flöten schallen,

Trompeten knallen,

ein Trommelwirbel,

und dann kommt der Moment:

Jubelschar fürs Prinzenpaar,

einmal im Jahr

für Tage verlobt.

Blondhaar

Weht vom Wagen.

Das Volk tobt.

Noch Fragen?

 

Der gothische Steinschatten Glauben

Über dem Hotelbalkon, Ballontrauben

steigen auf wie bunter Rauch.

Hapemus papam Kölle!

Nix bliev wie et es un nix wird mie wie et war.

Der heilige Vater,

wer et ooch is, is seit hück früh ene Narr.

 

Clint Eastwood für Arme

mit Pferdchen aus Holz

und Schreckschusscolts,

im Arm ein weibliches Wesen

mit Besen.

Sie hat ihn verhext,

er ist ihr Held.

Für einen Moment die heile Welt

der Maskerade.

Kurz darauf reiten sie weiter,

jeder für sich auf Pferd und Besen.

Das wär´s dann gewesen –

eigentlich schade.

 

Narr mit –wurst,

Bock- jetzt,

hat immer noch Durst.

Zwei Kölsch in den Schlund,

Senfmundbefund:

Alaaf! Dreimal.

 

Hirnspaghetti

muss das Kostüm wohl heißen

dort von dem Mädel.

Wie weizengelbe Nudeln sprudeln

die Haare aus dem Metallsieb

auf dem Schädel.

Aber nix mit al dente,

lauwarm süht se uus, de Schabrack,

schon ziemlich aff dr Lack,

dat Mennü schmeck bloß ihrem Scheich,

un dä is von Beruf nit Jourmet,

dat sieht mer gleich.

 

Seebär auf dem Trockenen, Muskelmatrose,

abziehbildtättowiert. Quergestreiftes Shirt, längsgestreifte Hose.

Er philosophiert hochprozentig, Flaschenpost für Leber und Hirn.

Die Mütze schaukelt über der Stirn.

Um ihn herum schlägt das Treiben immer höhere Wellen.

Das Narrenschiff droht im Sturm zu zerschellen,

mit ihm unterzugehen.

Doch als alles versinkt, bleibt er schwankend stehen,

und seine Lider, immer liedermüder, ankern zum Schlafen.

Köln funkt S.O.S. Na und?! Das hier ist nicht sein Heimathafen.

 

Kurz hinter SONDERBAR

Narrenschar,

die Kneipen sondiert.

Man friert,

will sich erwärmen.

Inmitten,

auf dem Arm seines Vaters,

ein knallgelbes Küken,

erschöpft vom Schwärmen,

von soviel Staunen und Wunder,

von nur nichts versäumen.

Alaaf, sei brav,

der tiefe Schlaf,

in den du fällst,

ist bizarrer noch

und bunter als die Welt:

der Rosenmontagszug der Träume.

 

Schwarze Witwe,

geheimnisvolles schönes Kind,

spinnt ihr Netz

und spinnt und spinnt ...

Prompt ist einer drin gefangen,

voll Verlangen auf den Aknewangen.

Prototyp des ewigen Verlierers,

übt die Künste des Verführers

mit Woody-Allen-Attitüde,

unfreiwillig komisch, wird nicht müde,

auf das Weibstier einzubrabbeln,

wagt es gar, sie anzugrabbeln,

schießt bei diesem Liebes-Spiel

weit hinaus über das Ziel.

Kommt genau, wie´s kommen muss,

er übertreibt´s mit einem Kuss.

Ihr Blick sticht zu und trifft –

Pures Schwarze-Witwen-Gift.

 

Narr mit –wurst,

Thüringer- nun,

hat wiederum Durst.

Ein Kölsch, ein Korn.

Er schwankt nach vorn.

Senfmund brüllt

einmal wild:

Aaaaaalalalaaaf!

 

Knallrotes Weibsbild von hinten.

Feuervogel fast, so rot das Kleid.

Die Beine einladend breit,

steht sie fett, ungeheuer brünett

und teuflisch kokett

am Ring.

Chilischarfes Ding – Lolitaluder,

zieht das Döschen mit dem Puder

und den schwarzen Lippenstift.

Der Schmollmund ein wirksames Gift,

das Mann um Mann willenlos schluckt.

Die Wölfin guckt

wie jedes Unschuldslamm,

sucht in der Menge den,

den sie beißen, zerreißen kann

mit ihren Hyänen-Zähnen.

Sie schüttelt die rote Mähne,

und die Plastikplane gegen den Regen

umflattert ihre kreisenden Hüften.

Mit tausenden von Düften

wirbt sie um Sündenfall, um Verrat.

High Heels und Netzstrümpfe mit Naht

betteln um lüsternes Verderben.

So schön kann nur das Leben sein.

Und das Sterben.

 

Stakkato-Stunde, Trommlergeschwader

auf den Stühlen, auf den Tischen.

Ständig kommen neue Trommler

durch die Fenster, aus den Nischen,

trommeln sich in Trance, keine Chance,

dem Rhythmus-Rausch zu entgehen,

kein Widerstehen.

Die Stöcke durchwirbeln wie im Traum

das Dickicht von Luft und Raum,

schlagen auf die gespannten Felle,

kakophonische Quelle,

die anschwillt zum Katarakt,

ein Pakt mit dem Takt,

der ständig forciert variert,

schließlich eskaliert

in einem Widerhall von Knall.

Harmonisch dämonisch

das Drum-Kollektiv, ultimativ percussiv.

So muss sie sein:

Samba am Rhein.

Vernarrt bis über beide Ohren.

Pappnase, rot.

Die echte darunter gefroren.

Vernarrt bis über beide Ohren,

mit Kappen aus Samt,

mit Mützen.

Fremde Frauen bützen,

unerkannt.

Vernarrt in eine schöne kleine

Unbekannte.

Als sie ihren Namen nannte,

war der Zauber verflogen,

einerlei.

Der Spaß vorbei.

Wenn Liebe zu Ernst wird,

wird man betrogen.

 

Litfasssäulenflirt.

Kölsche Maus,

tittenbewusst,

sucht sich den Panzerknacker aus,

der mit dem Lendendietrich zockt.

Das ist der Schlüssel, der passt,

weiß die Maus und sie fasst

gierig zu,

ungehemmt.

Na klar ist er fremd.

Doch wenn sie erst auf ihm hockt

und ihm das Grunzen entlockt,

sind sie beide per DU.

 

Narr mit –wurst,

Krakauer-,

hat kaum noch Durst.

Ein Kölsch,

halb verschüttet,

halb geleert.

Senfmund erklärt:

alaf.

 

Junger König mit Sekt, schon einen in der Krone.

Die Prinzessin, die er mitschleppt, nicht ohne.

Will sagen:

Hübsches Wesen, noch unverdorben,

von vielen begehrt und umworben,

bereit für alles, was berührt.

Nur allzu leicht verführt

von großen Versprechen,

die Liebe nur macht, um sie zu brechen.

Sieh nur, wie es um sie geschieht,

in diesen taumelnden Posen,

die zur Hingabe taugen,

wie sie ihn ansieht

mit diesem willenlos bedingungslosen

Lächeln in den weichen Augen,

um den zarten Mund, der alles erlaubt,

was ihr die Sinne, den Atem raubt.

Wie sie ihm völlig für immer verfällt,

als gäbe es nur ihn auf dieser Welt.

Sei ihr gegönnt die schöne Illusion,

denn sehr bald in dieser Nacht schon

wird sie wie viele Prinzessinnen vor ihr entdecken,

dass es sich mit all diesen wunderbaren Recken

wie mit entzauberten Fröschen verhält,

die sich am Schluss, sehr zu ihrem Verdruss,

nicht verwandeln in den strahlenden Held

nach einem Kuss.

 

Kakophonie, konventionelle – Klangwerk einer Kapelle:

Tambourine, die mit Flöten flirten.

Pauken, die sich paaren mit Trompeten.

Posaunen, die mit Glockenspielen streiten.

Ein Beckenschlag zu guter Letzt,

der Lied, Gesang und Melodie zerfetzt

zu einem Ohrenblick von Stille.

Verlärmte Idylle.

 

Narr mit –wurst,

Curry-,

trinkt bereits über den Durst.

Ein Schluck Kölsch

im Stehen.

Augen verdrehen,

und der Ketchupmund lallt

schon ganz kalt:

falaA! falaA!

 

Abseits der jecken Exzesse

steht Hermann, der Hesse,

am Bierpavillon und trinkt sich davon.

So ganz allein

will er dabei nicht sein, lädt mich ein

auf ein kölsches Getränk,

nicht weil er mich kennt,

nur weil ich gerade neben ihm steh´.

Und ich sehe ganz aus der Nähe

die Haut auf seinen Händen,

zerschlissen wie sein Portemonnaie,

die schmerblassen Züge im tristen Gesicht,

mit trüben Augen, feucht von Suff und Trauer,

und mit dem Mund auf der Lauer,

der plötzlich aufgeht und spricht,

vehement –

Hoher Eloquenzquotient.

Hermann erzählt mir mal eben sein Leben

im Schnelldurchgang,

seine Stimme dabei

Gesang, Litanei, Seufzen und Schrei.

Arbeitslos, obdachlos, mittellos

und mit Freundin und Frau

ist es auch längst vorbei,

da bleibt dem Menschen bloß

noch reichlich Kölsch und Schabau.

Oder etwa nich? fragt er mich

ohne auf Antwort zu hoffen.

Denn für ihn ist keine Frage mehr offen

Welt, Wahrheit, Wirklichkeit, alles besoffen.

Dann plötzlich Schweigen,

er fällt ganz in sich zurück,

in sein inneres Ghetto

von Verwirrung, Verzweiflung,

Vereinsamung, fehlendem Glück.

Er bemerkt nicht einmal mehr

meinen Abschiedsgruß als ich mich wende.

Er ist völlig in sich gekehrt,

das Gespräch ist für ihn zu Ende.

Hermann, der Hesse, verliert sein Interesse an mir

so plötzlich wie er es fand, bestellt neues Bier 

am Stand hier, seinem Revier.

Im Gehen kann ich Sehen

wie die verlorene Gestalt in den Pappbecher stiert,

bis auch mein Blick sie ganz aus den Augen verliert.

Adieu, Hermann, der Hesse –

Bonjour tristesse.

 

Geschminkte Gäule,

eine Litfasssäule,

und ein Moment der Stille

inmitten des Treibens.

Fast automatisch

Der Akt des Schreibens.

Eine Zeile nur,

poetische Spur,

innerlich:

Die Maske Mensch begeistert und entgeistert mich.

 

Rückblende,

mit Strohpuppe sogar –

elfter Elfter elfuhrelf.

Wiederauferstehung rheinnah.

Nicht dreifaltig, dreigestirnt.

Abblende.

Aufblende,

Schneebälle später ein Stern,

Könige, Weihrauch, Myrrhe und Gold.

Die Krippenfigur, Messias dann –

Der größte Narr von allen.

Auf seinem letzten Umzug

Trägt er das Kreuz für die anderen –

INRI bis Aschermittwoch.

Abspann.

 

Phänomen,

das organisierte männliche Pissen.

Was Kölns Kirchen Karneval ertragen müssen,

ist echt ätzend und stinkt zum Himmel.

Ununterbrochen wandern Pimmel,

der Herren Allerheiligste an heilige Fassaden,

um sich von allem Kölschen Stangenübel zu entladen.

Ob Kapelle, Kloster oder Kathedrale,

die gesegneten Mauern sind zu bedauern,

umfunktioniert zu Gottes Urinalen.

Solche Sündenfälle ertragen und vergeben

dreifaltigst Vater, Sohn und heiliger Geist.

Ein Trost nur, dass keiner der Kerle sich erdreist

und zuletzt auch noch den Dom zuscheißt.

 

Päffgen-Polonaise:

Der Saale ein bunter Bandwurm,

der schunkelt, tanzt, schwankt und singt.

Kochender Dunst von Schweiß und Qualm,

es stinkt.

Inmitten der Menge besessener Akteure,

vorbei hindurch wetzen Jongleure

mit Haxen, Sauerbraten, Frikadellen,

gut geraten auf die Schnelle.

Gulaschsuppen-Slalom im Gedränge,

trotz aller Enge

sehr rasant und elegant.

Köbesse als Bier-Artisten.

Gläser-Akrobaten eben,

die den salto carnevale geben.

Stechkarren hetzen

ohne Unterlass

Fass auf Fass auf Fass auf Fass.

Wer hier serviert, rotiert routiniert

und verliert, das sei hier honoriert,

trotz alledem nicht den Spass.

 

Kölsch-Kolonn, da stonn

de Hunnen am Gildenbrunnen

im Ledertalar mit Joldknöpp un Fell am Revers,

dä Blick jefährlich und janz schön schwer

op´m Schädel de Pelzmütz.

Gleich nebendran dä Brillenvogel,

blonder als jeder Witz.

Sternenkleid,

die Ahl mäht op engelhaft feminin,

klappert mit däm Tambourin,

dat grün lackierte Fingernägel halten.

Nich nur der Stoff hat reichlich Falten.

Der Ledersack um die Tallje

von der Gildenbrunnen-Kanallje

mit all dem Make-up-Gedöns drin,

(macht bei der eh keinen Sinn)

stört dat Verkleidungs-Jesamtbild,

et Silberlametta um ihre Fesseln auch.

Irjendwie schwer jezielt

und aber so wat von überhaupt nich jetroffen.

Nit e so schlimm, merkt ja kaum einer hier,

schlißelich macht dat Gildenbier

janz schön besoffen.

 

Narr mit Leiter

will hoch hinaus,

stolpert und fällt,

rappelt sich auf

und zieht blutend,

aber heiter weiter.

Narr mit Stulle

und blonder Bulle

mit Blumenstrauß

tauschen sich aus.

Zwiegespräch

Über Gott und Welt

und das Leben an sich –

Common nonsens,

aber brüderlich.

Zu guter Letzt

Narr auf Bewährung,

weint in sein Kölsch,

Flaschengärung.

 

Narr ohne Wurst,

jenseits

von Gut, Böse, Durst,

ist trunken

zu Boden gesunken

und lacht.

Na dann:

Gute Nacht.

 

Aschekreuz auf der Stirn,

hämmerndes Hirn,

aber wie.

Aspirintherapie

und Matjesfilet

gegen das Magenweh.

Von außer Rand

wieder ans Band,

zurück ins Büro,

wo

jeder andere genauso

leidet,

Blick, Wort vermeidet.

Der Mittwoch danach:

Alle Narren

als Menschen

verkleidet.