Thomas Schubert schreibt
LYRIK

Gedichte, die entweder die Hand reichen oder die Faust ballen

Zum Beispiel:

Sprachregelung
Das Wort,
das man führt,
ganz gleich,
ob Rede oder Schrift,

muss die Hand sein,
die zugreift und berührt,
muss die Faust sein,
die zuschlägt und trifft.


Zeiterscheinung
Menschen,
die Zeit ihres Lebens
keine Zeit haben,
werden am Ende
ihrer Lebenszeit
überrascht sein,
dass sie
kein Leben hatten.


Unbeherrscht
Die Herrschaften,
die stellvertretend für uns herrschen,
beherrschen ihr Geschäft nicht.
Stattdessen beherrschen sie uns und unser Leben.
Darum wird es Zeit,
dass wir die Beherrschung verlieren
und endlich wieder selbst
die Herrschaft über uns und unser Leben
übernehmen.


Unbezwingbar
Meine Kraft kann man
schwächen.

Meinen Mut kann man
mindern.

Meinen Willen kann man
brechen.

Aber nichts und niemand kann mich
verhindern.

Lehrstunde (in memoriam Erich Fried)
Alle,
die bei der Wiederholung
von Geschichte
freiwillig aufstehen,
wollen sich widersetzen.

Alle,
die bei der Wiederholung
von Geschichte
nur aufstehen,
weil die anderen aufstehen,
sollen sich wieder setzen.

Letztere haben
aus der Geschichte
nichts gelernt
und bleiben sitzen.

Liebesgedicht
Manchmal
wenn wir uns
zusammensetzen
um uns
auseinanderzusetzen
fürchte ich
einer von uns
könnte sich irgendwann
durchsetzen.

Engelwach
Jemand wie niemand -
Schatten eines Schattens,
der sich Flügel träumt,
ist über Deinen Schlaf gebeugt.

Er atmet dich ein,
du atmest ihn aus


Ehrenwort

Sei auf der Hut, schwarzer Freund,

wenn du an der Haltestelle stehst,

weil du dabei ein Risiko eingehst.

Obwohl es dir nicht so erscheint,

 

du bist leider in Gefahr vor Gewalt

weil dieses Landes häßlichste Fratzen,

die Nazimißgeburten, Hohlkopfglatzen

auf dich lauern in einem Hinterhalt.

 

Auch wenn du längst Deutscher bist

schützt dich das nicht vor Hinterlist.

Denn der gemeine arische Rassist,

der feige fehlgesteuerte Faschist,

 

sieht die andersartige Hautfarbe nur,

die Fremdheit des Namens, die Spur

deiner Abstammung und der Kultur:

Sie erkennen darin nicht die Natur

 

deines Wesens als Menschenkind,

weil sie selbst Unmenschen sind -

Bestien, die widerlichsten von allen,

die dich nur im Dunkeln überfallen;

 

ihre Dummheit scheut das Tageslicht,

ihr Hass auf dich ist der Zorn auf sich,

auf das verschlagene, verstohlene Gesicht,

im dem sich nichts spiegelt als das Nichts.

 

Doch sei Dir versichert, schwarzer Freund,

gegen diese Minderheit gibt es eine Macht,

die deine Brüder und Schwestern bewacht,

die es mit dir gut, ernst und ehrlich meint.

 

Die Wachsamen werden die Angst vertreiben

und sich der braunen Mörderbrut erwehren.

Dies Gesindel darf uns alle nie mehr entehren.

Darauf kannst Du hoffen. Darum: Bitte bleibe.

 

Mein 11. September 2001

Morgens

auf dem Tisch die Torte:

42 Geburtstagskerzen,

die sich Stunden später

vermehren, verwandeln

in 2801 Grablichte.

 

 

Wortanklage

Ehrenmord?

Was für ein

Unehrenwort!

 

Gegen das Verbinden

von Mordgewalt und Ehre

müssen sich Rechtsempfinden

und Menschenverstand

in diesem Land

mit Wortgewalt wehren.

 

 

Unverhofftes Adagio

Gewimmel, Getümmel, Gedränge, Geschiebe,

geräuschgeschreddertes Geschreie, Gelärme

des rastlosen, ruhelosen Weltgetriebes,

der großstädtisch geblähten Gedärme.

Unverhofft ein ferner, über alles erhabener Klang,

der mich wie ein unergründlich magischer Drang

unmittelbar, doch sanft zu Einhalt und Umkehr zwang.

Ich ging die fein gebundenen, gewundenen Töne entlang,

eine leise Reise vertrauter Noten mit unbekanntem Ziel.

 

Ich kreuzte, querte das entgegenströmende Gewühl

der Strassenfluchten, Häuserschluchten, Menschenmengen,

alles zog mich magnetisch hin zu den geheimnisvollen Klängen.

Als ich endlich zu ihnen fand, da stand unbeachtet am Rand

des Zentrums ein verlassener, gelassener Freizeitmusikant

vor einer Wand, sein Instrument verwachsen mit Mund und Hand,

ganz versenkt in sich und hingegeben an sein Klarinettenspiel.

Der Mittelpunkt der Welt für einen Augenblick neu zentriert,

im Jetzt und Hier, in der Musik und endlich auch in mir.

Und über allem lebte, bebte, schwebte Mozartestes Gefühl.

 

Ansichten eines Klons

Was beschweren sich auf einmal die,

die laut Biotechnologie, Biotechnologie

schreien und für unverzichtbar halten,

weil sie nun umgeben sind von Gestalten

wie mir, die makellos, vollkommen sind,

erblich unsterblich, ewig erwachsenes Kind.

Überschritten endlich die Schöpferschwelle

mit der einen unfehlbaren, absoluten Zelle.

Ziel, Zukunft erreicht:

Alle Menschen gleich.

 

 

Finitum

Am Ende der Welt,

dem letzten Ort,

sitzt der alte Weise,

spricht demütig leise

sein letztes Wort

in atomaren Wind,

gegen tote Wände,

hinter denen keine

Menschen mehr sind.

Kein Lebenszeichen mehr,

das einzige Wesen er.

Er hat auf Liebe gebaut,

auf Verständigung vertraut,

Klugheit beschworen -

jedoch nur taube Ohren,

Gelächter und Spott.

Der große schöne Plan

mißraten, verraten. Vertan

die schöpferische Zeit,

denkt ermüdet Gott

und macht sich bereit.

Genug ist genug,

ein letzter Atemzug,

Er faltet seine Hände:

Weltende.

 

Das Wesentliche in Kürze

Was vermag man schon

in einem kurzen Satz

über das Wesen von Liebe

zu sagen?

 

Nun:

Allein durch Liebe

lässt sich das Leben

und das Sterben

ertragen.

 

 

Fried liebend

Frieds fertige Sätze

stiften Unruhe,

aber auch Mut,

predigen Liebe,

aber auch Wut,

enttarnen,

was schlecht ist,

was gut.

 

Frieds fertige Sätze

säen Zweifel,

und daraus Glauben,

werden Stimmbänder,

Spruchbänder sogar,

die Atem rauben,

verdichten das Denken,

richten die Henker.

 

Frieds fertige Sätze

kehren immer wieder,

währen immerfort,

weil sie Sprache

lieben, leben,

weil sie Sprache

Sinn und Zweck geben,

wenn sie das Wort nehmen

beim Wort.

 

Prophezeiung

Drei allmächtige Götter wohnen

in der Stadt Jerusalem auf Dauer.

Sie stehen täglich an der Klagemauer

und beten zu den Weltreligionen:

 

Legt endlich eure blutrünstigen Waffen nieder,

erinnert die Verführer, Deutungenschmieder

die falschen Propheten und euch selbst wieder

an die Wahrheit: Wir drei sind ein einziger Gott.

Wir dulden nicht länger den barbarischen Streit,

ob ihr bessere Gläubige als die anderen seid.

Muslime, Juden, Christen, es ist höchste Zeit,

für Verständigung, Toleranz, Dreieinigkeit.

Sonst führt jeder Glaube in den sicheren Tod,

in ein ewig trostloses Leben

ohne Erlösung und Vergeben.

 

 

Im Vorübergehen

Durch den schmalen Spalt

der angelehnten Badezimmertür

huschen aus dem Nebel

des sich auflösenden Wasserdampfes

die Konturen ihres Körpers,

weichgezeichnet vom Sonnenlicht,

das durchs verhüllte Fenster weht.

Ihre linke Brustwarze

lächelt mich kurz an,

ehe sie ins Badetuch flieht

vor meinem zufälligen Blick,

der bereits einen Schritt weiter

unaufhörliches Begehren ist.

 

Zwei Kata-Strophen

Zwanzig Jahre nach Tschernobyl

beschleicht mich das ungute Gefühl,

die Menschen sind nicht schlauer,

sondern heute eher noch naiver.

 

Na schön, dann betreiben wir eben

heiter weiter Kernenergie und erleben

mit erhöhtem Reaktor-Faktor auf Dauer

unser Aussterben etwas radioaktiver.

Urteilsbildung

Beklagt nicht

das mißratene,

ungezogene,

ungebildete Kind.

 

Verurteilt die

Erzeuger,

Erzieher,

und wie

verantwortungslos

bildungslos

bindungslos sie

ihm gegenüber sind.

 

 

Kindergebet

Vater,

wir sind

von Kriegen,

von Dürre,

von Hunger bedroht.

 

Deine Kinder

bitten dich,

nimm uns in Schutz,

nimm uns die Not.

 

Beherzige doch

wenigstens du

dein fünftes Gebot.

 

Lindere die Qual,

mindere die Angst,

verhindere den Tod.

 

Vater handle,

wirke ein Wunder,

verwandle

all das Dynamit,

das ganze Schrot

 

in Reis,

in Mais,

in Wasser,

in Brot.

 

Hinrechtung

Da wir neuerdings viel von Verbrechen sprechen,

wie ist das eigentlich mit dem Versprechen brechen?

Wenn ein Bundeskanzler seinen Amtseid schwört,

dass er alles Übel von Land und Leuten abwehrt,

 

sich dann plötzlich anmaßt, unser aller Recht zu beugen

und in einem Rechtsfall die Namen wichtiger Zeugen

unter dem Vorwand seines Ehrenwortes verschweigt.

Warum wird dann der Staatsmann nicht angezeigt?

 

Warum wird nicht mit aller von uns ausgehenden Macht

Dem obersten gewählten Vertreter der Prozess gemacht?

Wie kann es nur sein, dass dieser Mensch ganz unbeschwert,

unversehrt den Pflichten entkommt statt dass man ihn belehrt.

 

Ist es denn nicht das gute und vornehmliche Recht der Nation,

wie eine Person und mit einer Stimme diese Vorbildfunktion

von dem Herrn ein- und ihn im Namen des Staates anzuklagen,

die Konsequenzen des Meineids,des Landes-Verrates zu tragen?

 

Welche Strafe wäre für das vorsätzliche Vergehen angemessen?

Jeder andere ungehörige Staatsangehörige hätte wohl gesessen.

Wie halten wir es also mit Sinn und Kraft von unseren Gesetzen,

wenn die ersten Bürger sie und damit jeden Mitbürger verletzen?

 

Mag die Würde des Menschen richtigerweise als unantastbar gelten,

die Bürde des Amtes sowie ihren Mißbrauch abergilt es, zu vergelten.

Seien wir hier und jetzt ausnahmsweise auch mal so selbstgerecht:

Lebenslängliche Mißachtung und Entehrung wäre nicht schlecht.

 

Die grosse Stille – verbales Triptychon

(Philip Gröning gewidmet)

I

In Abgeschiedenheit,

in Versenkung

erfährt der Geist

Reinheit,

Klarheit ,

Wahrheit,

Richtung,

Lenkung.

 

II

Erlaube dir

den Zweifel,

Mensch,

fürchte ihn nicht,

erkenne seinen Wert.

 

Der Zweifel ist es,

der dich glauben lehrt

in dieser Welt.

Er ist es,

der den Glauben nährt,

indem er ihn

in Frage stellt.

 

III

Er kommt zu dir

als grosse, tiefe Stille

 

und er geht hin

zum Nächsten

mit all deiner Fülle.

 

Das ist dein Sinn.

Das ist sein Wille.