Thomas Schubert schreibt
KAFFEESÄTZE

Gestern im Café Satz gelesen: Kaffeesatzlesen hat keine Zukunft.

Eine Tasse Kaffee – ein immer neues Versprechen, das nicht gebrochen wird. Eine Tasse Kaffee hat mich noch nie enttäuscht.

Wien, Berlin, Turin – eine Melange von Orten, wo Menschen Kaffee trinken, versammelt sich in meinen Gedanken, wenn Sie über den Tassenrand hinwegschweifen.

Fröstelnde Hände umklammern das Porzellan und die Kälte des Winters weicht zurück vor den erwärmenden Verlockungen Afrikas, Arabiens, Mittel- und Südamerikas.

Der Blick der Schönen, die am Schaufenster vorübergeht. Flüchtig wie die Prise Zucker im Cappucinoschaum.

Die Stadt wischt sich den Schlaf aus den Fenstern. Der erste Dampf aus der Kaffeemaschine zischt jedes morgendliche Gähnen fort.

Das Flüstern eines jungen Liebespaares zerkrümelt zwischen den übrigen Stimmen. Wenn sie aufstehen und gehen, bleiben minutenlang Spuren ihrer Nähe auf dem kleinen Tisch zurück. Wie die Bätterteigreste des Croissants, in das sie beide gleichzeitig bissen vor dem ersten Kuss.

Im Kaffeehaus sitzen und das Denken verlieren, einzig noch dem Impuls der Augen vertrauen, die jeder Bewegung folgen. Aus der Tasse atmet ein wunschloser Tag, der die Endlosschleife eines Schnappschusses ist.

Der therapeutische Effekt, Zeit darauf zu verwenden, sie zu verschwenden.

Zigarettenasche, die in Zeitlupe zu Boden fällt.

Dieser kurze Gedanke an deine Lippen ist wie jenes behutsame Nippen.

Der leichte Löffel Gelassenheit, mit dem man unverhofft die Schwere des Lebens umrührt bis es sich leicht im Kreise dreht. Als ließe man seine Schwermut wie ein betrübtes Kind so lange Kettenkarussell fahren bis ihm vor Freude schwindelig wird.

Die überanstrengten Augen schließen, ganz mit den anderen Sinnen genießen: Greifen, riechen, schlucken, schmecken, in sich hinein horchen, das alter ego entdecken, schweigen. Der Welt das Unsichtbare zeigen.

Auf dem Grund der Tasse bereits der Bodensatz des soeben begonnenen Tages.
Vom Nebentisch ein Rauchkringel, der zur Decke steigt und für ein Momentum die Blicke aller Nichtraucher auf sich zieht, zu denen ich neuerdings auch gehöre.

Blick durch die regennasse Scheibe, der keinen Punkt findet, keinen Halt, umherstreunt wie ein verjagter, nasser Hund, der Schutz sucht in einem Hauseingang gegenüber des Coffee-Shops. Es scheint, als würden Augen immer Unterschlupf suchen, um etwas von einem selbst zu verbergen.

Der röstfrische Geruch meiner Seele an diesem Morgen, die nichts weiter erwartet, nicht mehr verlangt als in aller Ruhe aufzuwachen und sich mit dem langsam einstellenden Körpergefühl abzugleichen.

Die Augen aufschlagen wie die druckfrische Zeitung. Ein erster Schluck Schlagzeilen, heiß noch, dass man sich fast den Blick verbrüht an den Neuigkeiten, bevor man sie für den nächsten Gast dort an die Wand zurückhängt. Der tapfere Kampf des beredten Weiß gegen die geschwätzige Druckerschwärze. Wie der Milchwirbel, der sich auflöst im Auge des Kaffeehurrikans – die einzige Nachricht, die verläßlich auf jeder neuen Titelseite steht.

Coffee-Shop, vertraute Kakophonie, das Perpetuum Mobile aller Geräusche: Mahlen, Blubbern, Zischen, Klirren, Kichern, Klappern, Fauchen, Klimpern, Flüstern, Rasseln, Klicken, Ticken, Räuspern, Knacken, Hupen, Klacken, Tuscheln, Krachen, Klingeln, Scheppern, Lachen, Rascheln, Singen, Bellen, Murmeln, die versammelten, überlappenden Stimmlagenfetzen von Sopran bis Bariton in Dur und Moll. Und dort an einem Platz in der Ecke die gleichmäßige Stille meines Atems, die sich ganz vorsichtig darunter mischt, um die Lebendigkeit nicht zu stören.

Nirgends stellt sich das Gefühl von Geborgenheit schneller ein als dort, wo dich jeder - ohne deinen Namen zu kennen - wie einen alten Freund begrüßt mit einem leichten Nicken, dem Zucken einer Augenbraue oder dem Ansatz eines Lächelns. Nirgends empfindest du dich mehr willkommen als hier, wo dir der Wunsch nach der ersten Tasse Kaffee erfüllt wird, noch bevor du ihn aussprechen kannst. Es ist das einzige Ritual, das du zulässt, weil es dich lässt. Es ist diese zugewandte, stille Einvernehmlichkeit und das beinahe blinde Verständnis, dieses Maß an bedingungslos respektvoller Vertraulichkeit und Zugehörigkeit in unangetasteter Freiheit, die dich sprachlos macht vor, nennen wir es ausnahmsweise einmal so, Glück.

Es kann kein Zufall sein, dass wir vielen der Ärmsten eine der größten Kostbarkeiten verdanken. Irgendwann werden wir dieses Geschenk zurückgeben müssen, unsere Privilegien eintauschen für Ihr Wohlergehen, Kaffeebohne für Kaffeebohne.

Herzenswärme üben: Gib einem frierenden Bettler eine Tasse Kaffee und er wird aussehen wie ein König, der dich als König ansieht.

Der leichte Flaum von Schaum, den allmorgendlich die eigene Zunge wegwischt. Und wie man sich wünscht, dass es diesmal der Kuss einer Fremden wäre, die durch diese Intimität zur Vertrauten würde. Und wie ihr Mund dann verspricht, jeden neuen Morgen auf diese Weise zu beginnen.

Kaffee ist es egal, ob die Uhren auf Sommerzeit oder Winterzeit eingestellt sind. Kaffee ist der eigentliche Zeitmesser, der von den filigranen Zahnrädchen deiner Intuition gesteuert wird.

Der Keks, das Stückchen Schokolade oder eine andere Süßware auf der Untertasse. Eine Freundlichkeit, Großzügigkeit, die sicher gut gemeint, aber überflüssig ist für jeden wahren Kaffeegenießer. Denn keine Zugabe kann etwas zum solitären Aroma des Getränkes beitragen, geschweige denn es verbessern oder gar veredeln. Warum Orthodoxe in den Kaffeetempeln dieser Welt auch den Versuchungen jedweder Beigabe widerstehen. Obwohl gelegentlich dann doch der eine oder andere streng Kaffeegläubige zu Amarettini oder Cantuccini tendiert, aber niemals volständig konvertiert.

Der Hund, der zu meinen Füßen liegt, scheint um die Bedeutung der Kaffeekultur zu wissen. Noch nie hat er auch nur ansatzweise die Ruhe und Muße der Anwesenden durch ein Jaulen oder Bellen gestört. Ein gelegentliches Wedeln des Schwanzes, das aber einzig Ausdruck seiner Ergebenheit für Herrchen ist, gehört zu den Gesten, die weder in meinen noch in den ungetrübten Genuss anderer Gäste eingreifen. Geduld und Zurückhaltung des Tieres, seine Integrations- und Assimiliationsfähigkeit sind vorbildlich, er zollt der Rasse der hier versammelten Menschen einen Respekt, der umgekehrt von Mensch zu Tier und insbesondere unter den Menschen wünschenswert wäre. Einzig sein Atem, der ab und an in einen leichten Seufzer der Zufriedenheit überschnappt, strömt ganz gleichmäßig mit einem kaum wahrnehmbaren Ton der Zugehörigkeit durch seine Lefzen. Um ihn und sein Verhalten in diesen ausgedehnten Café-Sessionen angemessen zu würdigen, würde ich dieses verhaltensforschungsrelevante Erkenntnis gerne als den heimlichen animalischen Rhythmus des menschlichen Kaffeegenusses bezeichnen.

Ein natürliches Produkt im Kreislauf der Natur. Der Kaffeesatz auf dem Komposthaufen. Selbst als Abfall noch nützlich und wertvoll. Nährt die Parasiten und Bakterien, die als Dünger Wachstum vollbringen. Wieviele Pflanzen verdanken ihr Grün, wieviele Blumen verdanken ihr Bunt dem gemahlenen Braun, das der Erde alle Ehre macht.

Fast ein Frevel: In einem Coffee-Shop Tee trinken.
Es gab eine Zeit, da bedeutete eine Tasse Kaffee beinahe so etwas wie Wohlstand. Ich fürchte, wir sind kurz davor, dass sich Geschichte wiederholt.

Manche Menschen brühen sich zu Hause einen guten Bohnenkaffee auf, ganz herkömmlich noch und schlicht, ohne all den übertriebenen technologischen Schnickschnack, also mit Kanne, Porzellanfilter, Flötenkessel fürs Wasser. Ihnen gehört meine Sympathie, denn sie wissen den heute für viele selbstverständlichen Genuss noch als etwas Besonderes zu schätzen und zelebrieren das Geschehen beinahe wie einen Kult. Und doch bedauere ich sie mehrheitlich. Denn dieser seltenen Spezies fehlt oft die Gesellschaft, diese ganz spezielle Intimität, die den gravierenden Unterschied zu ihrer Anonymität macht. Sie wissen wenig bis nichts von diesem kollektiven, konspirativen Gefühl, das mich befällt, wenn ich ein Kaffeehaus betrete und meinen Platz in der Gesellschaft finde und einnehme, die sich allein über das Prinzip von Leben und leben lassen ohne jede Regulierung und Verabredung zusammenfindet.

Die friedlichsten Szenen in Western sind stets die, wo ein paar Cowboys um ein Lagerfeuer sitzen und aus Metallbechern kochend heißen Kaffee trinken, frisch aufgebrüht über der Feuerstelle.

In einem einfachen Strassencafé von Lissabon einmal voller Staunen beobachtet und belauscht, wie ein Millionär und ein Bettler ganz selbstverständlich und ohne jeden Klassendünkel beieinander am Tresen standen und über das Leben philosophierten als gäbe es zwischen den beiden keine Unterschiede. Das Erstaunlichste jedoch war die Tatsache, dass der Bettler den Kaffee des Millionärs mitbezahlte. Ich habe selten einen respekt- und würdevolleren Moment menschlichen Miteinanders erlebt.

Wo es nach Kaffee duftet, liegt weder Argwohn noch Hinterlist in der Luft.

Vor dem Boom der Coffee-Shops gab es nur die oft ungemütlichen Bäckereien oder Läden von Kaffeevertreibern, in denen das unbestreitbare Vergnügen einer guten Tasse Kaffee durch das zweifelhafte Vergnügen eines kleinen, wackeligen Tisches in noch zweifelhafterer Gesellschaft getrübt, um nicht zu sagen gemindert wurde. Denn das hoch geschätzte Aroma verbreitet sich nicht zuletzt im Verhältnis des Getränkes zur Aura oder Atmosphäre eines angemessenen Ambientes und eines Publikums, das sich dem Genuss auch als würdig erweist.

Wie gut, dass Kaffeesüchtige wie ich heutzutage an jeder Strassenecke einen guten Koffeindealer finden.

Mich würde interessieren, ob James Bond seinen Kaffee geschüttelt oder gerührt trinkt.
Auf Jamaica finden Kaffeepflanzen ideale geophysische und klimatische Bedingungen. Kein Wunder also, dass die von dort stammenden Sorten zu den besten der Welt gehören. Kiffende, Reggae singende und tanzende Kaffeebohnen können ja nur Glücksgefühle verbreiten.

Kulturschock Kneipen-Kaffee. Am schlimmsten die letzte muffig riechende Tasse, wenn aus einer wasserfleckigen Glaskanne mit unübersehbaren Kaffeestandsstreifen eine finstere, verbrannte Brühe eingegossen wurde, die auf der Wärmhalteplatte der Kaffeemaschine bereits Stunden vor sich hingeköchelt hatte. Eine teerschwarze Flüssigkeit, die selbst durch die massenweise Zugabe von Milch kaum erhellt wurde und nur zögerlich eine braunähnliche Farbe annahm. Der bittere, schale Ungeschmack, der selbst
durch das Beimischen von Unmengen Zucker nicht zu retten war. In der Regel allerdings war der Kaffee meist schon durch die Kondensmilch aus dem kleinen Plastikdöschen ruiniert, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum längst überschritten hatte. Aber, dieses unsägliche Getränk verjagte die Müdigkeit und förderte die Konzentrationsfähigkeit der Pool-Billard-Spieler, für die es hier um alles ging: Als Champion am Tisch zu bleiben und auch dem nächsten Herausforderer, der sich an der Tafel in die Liste der Kreidenamen geschrieben hatte, die es einen nach dem anderen auszulöschen galt.

Ohne Kaffee wäre so mancher Filmklassiker oder Kultfilm um wichtige Szenen oder ganze Settings ärmer gewesen. Man denke nur an „Zeugin der Anklage“, wo Tyrone Power jr als GI mittels Bohnenkaffee Herz und Vertrauen der Barsängerin Marlene Dietrich gewinnt. Man stelle sich „Casablanca“ und seine Protagonisten ohne das berühmte „Rick´s Cafe Americain“ vor oder „Green Card“ ohne die wunderbare Schlußszene, wenn das Gesicht von Gerard Depardieu an der Fensterscheibe des Cafes auftaucht, in dem Andie MacDowell gedankenverloren sitzt, und wie sie sich dann anblicken und aufeinander zulaufen, um sich in die Arme zu schließen vor dem unvermeidlichen Abschied. Oder zuletzt auch Jim Jarmusch´s poetische, heiter-skurille bis melancholisch-weise Hommage an „Coffee and Cigarettes“. Ein Panoptikum von Charakteren, als würden sich die unterschiedlichen Kaffeesorten in ausgewählten menschlichen Figuren vorstellen.

Wie verührerisch die Kaffeebohnen einmal sein werden, deuten die reifen Kaffeekirschen bereits an. Das tiefe Rot, das sich mit der glühenden Abenddämmerung vermischt, ist bereits die Verheißung einer brennenden Leidenschaft, die spätestens im Moment der Begegnung mit kochendem Wasser eingelöst wird.

Einen blöden Witz aufgeschnappt: Woran erkennt man das Lieblingscafé von Außerirdischen? Überall fliegende Untertassen.

Cafetiero, ergo sum
Ein Kiez-Café unmittelbar vor der verhassten Sperrstunde.
Stapelweise Kaffeetassen, Cognacschwenker – letzte Runde.
Seit dem späten Nachmittag sitzen die Männer dort, nippen
an geistigen und Heißgetränken, an Gott, Welt und Kippen,
und hängen einander an den fiebrigen, den rastlosen Lippen,
die zwischen Kaffeestreuer, Aschenbecher, Marmorkuchen
das Leben, alle und alles zu begreifen, zu erklären suchen,
im Allgemeinen, im Besonderen samt Freiheit, Frieden, Leid,
als Gegengewicht die Liebe natürlich und die Zeit, die Zeit -
Zeit aufzustehen, fortzugehen aus dem Refugium im Revier,
dem Universum der Gedanken und Gespräche, Lebenselixier
wie Kaffee und Weinbrand in diesem Cafe, hier sind wir wesentlich:
Platon, Sokrates, Kant, Descartes, Nietzsche, Jaspers. Und ich.

Für die Kriegsgenerationen hatte Kaffee im wahrsten Sinne des Wortes das Aroma von Luxus. Vor allem in der Besatzungszeit galt Kaffee als rares, weil rationiertes Produkt und daher als wertvolles Gut, das zu bekommen nur möglich war, wenn man erstens jemanden kannte, der es hatte oder beschaffen konnte (in der Regel amerikanische Soldaten), wenn man zweitens etwas entsprechend Wertvolles besaß, dass man dagegen eintauschen konnte , und wenn man drittens über genügend Verhandlungsgeschick verfügte, um den Kaffeeanbieter von einem solchen Tauschgeschäft zu überzeugen. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu verständlich, dass der Genuss von Kaffee für ältere Menschen selten selbstverständlich scheint. Oft ist der erste Schluck Kaffee bei ihnen unmittelbar mit der Erinnerung an Erlebnisse und Begegnungen aus Kriegstagen verbunden, als würde die Bitternis der Bohnen, die tiefe Schwärze des Getränkes all die Bilder von Angst und Schrecken, Zerstörung und Trümmern, Abschied und Verlust hervorholen aus den Katakomben und Bunkern des Gedächtnisses. Aber wenn sie dann Furcht und Schmerz auflösen durch Milch und Zucker, erhellt und versüßt es ihnen das Dunkel mit der Freude darüber, überlebt zu haben, Trost und neue Hoffnung gefunden zu haben und die Chance auf einen Neubeginn.

So wird das Besondere dieser Zeit immer wieder erkennbar durch die Zeitzeugen und ihre wertschätzende Art, Kaffee mit dem Beigeschmack erlebter und erlittener Entehrungen und Entbehrungen zu geniessen.

Ein Schluck Muckefuck und man kehrt ruckzuck zum richtigen Kaffee zuruck.

Selbst dem schäbigsten Ort auf der Welt verleiht ein Café, so schlicht es auch sein mag, noch Glanz und Eleganz.

Die Zigarette danach. Vorspiel zum erneuten oralen Höhepunkt.

Ein Lippenstiftabdruck am Tassenrand, die Spur der Frau, die ich ewig suchte und niemals fand?

Es kann geschehen, dass man auf der Durchreise nach Andalusien ist und unterwegs Halt macht in einem spanischen Kaff, dessen Namen man noch nie gehört hat, aber niemals mehr vergessen wird. Genauso wenig wie das Gesicht des Einheimischen, der einen auf einen Carajillo einlädt. Man sitzt mit ihm unter der Mittagssonne in einer kleinen Bodega eines spanischen Kaffs sitzt und verständigt sich zuerst mit den Blicken der noch Fremden und den Gesten der Hände, die einen bereits vertrauter machen. Und dann lernt man die ersten Brocken Spanisch und der Einheimische die ersten Wörter Deutsch und es Carajillo und nach dem soundsovielten ist das angestrebte Ziel an der Costa de la Luz längst uninteressant, man ist bereit, es gänzlich zu vergessen, weil man ein nicht erahntes Zuhause gefunden hat in einem von der Welt vergessenen Dorf am Meer, einen trinkfesten, ehrlichen, zahnlosen Freund für den Rest seines Lebens und die von Hitze, Salzluft und hochprozentigem Kaffee nachdrücklich empfohlene Erfahrung, sich täglich den unvergleichlich erholsamen Annehmlichkeiten der Siesta anzuvertrauen.

Nach durchzechten Nächten, noch vor der Morgendämmerung im Bahnhofscafé oder in einem Kiosk, das sich durch die Bezeichnung Stehtrinkhalle wichtig zu machen sucht, einen ersten Kaffee auf das gärende Gemisch aus Alkohol schütten. Wie der Magen sich dann leicht hebt, irritiert ob der promillelosen Flüssigkeitszufuhr und der angenehmen Wärme, die sich zur Unzeit verbreitet.
Wie das schwindelnde Drehen im Kopf sich zu verlangsamen beginnt, dem sich andeutenden Schmerzpegel einen Aufschub gewährt, möglicherweise sogar Absolution erteilt, wenn umgehend noch Nahrung, am besten etwas trockenes Brot zugeführt wird, ein oder zwei Aspirin provisorisch. Das könnte reichen, um den Rest des Tages nicht im Dunkeln verbringen zu müssen, abgeschirmt von jedem Geräusch, das die an Sauerstoffmangel leidenden Gehirnzellen traktieren könnte.
Die zweite Tasse Koffein, jetzt bereits wieder willig, aber eher widerwillig, sich mit einer neuen Dosis Nikotin zu verbünden, doch die leicht zittrigen Hände fischen nur noch Leere aus der Packung. Endlich das Rauchen aufgeben, flackert es kurz in Leuchtbuchstaben auf einem halbwegs nüchternen Hirnlappen auf, bevor ein paar Münzen vom Grund der Hosentasche das Neonlicht des Kiosk erblicken, hinüberrollen zum Händler der legitimierten Drogen, der mit der Rechten Kaffee nachschenkt und mit der Linken die Zigaretten über die Theke schiebt.
Noch ein Schluck, dann der erste tiefe Lungenzug, der bis hinunter in die Leiste zieht, sich im Becken auflöst, über dem ein saurer Sumpf aus Bier, Wein, Tequila und frisch zugefügtem Kaffee wabert und Dämpfe produziert, die den Hinterausgang suchen. Manchmal flüchtet so eine geplatzte Säureblase die Speiseröhre hinauf und facht im Rachen ein Brennen an, das kurz auflodert und dann verflackert am betäubten Geschmacksnerv.

Die dritte Tasse Kaffee erstickt dann schon das lauernde Gähnen hinter dem Mund voll schlechtem Atem im Ansatz, obwohl die Müdigkeit versäumte Träume beklagt, den Ausgleich des Stundenmangels einfordert, vergeblich. Wie endlich dann auch die glasigen Augen durch den Schleier aus Zwielicht und noch nicht gänzlich Co2-durchseuchter Luft hindurch allmählich die Verzerrungen der Bilder auflösen, die Konturen der Figuren um einen her sich wieder verschärfen und verdichten.
Aus Silhouetten schälen sich einige schwerfällige Körper, die ihren Gliedmaßen noch nicht wieder vertrauen. Der Kater wird von einem regelrechten Muskelkater begleitet, hier macht der Begriff endlich Sinn, denn auch die Muskeln sind noch trunken, ringen um Ernüchterung, hoffen auf das Abklingen der Schwingungen in der Patella-Sehne und das Aufrollen des Rückgrates zu einer tragenden Säule des vergifteten Leibes. Aufschauen, umschauen in dem kleinen Raum, wo verlebte Gesichtszüge von aufgestützten Armen gehalten werden, damit sie nicht auf den Tisch hinabgleiten wie unsauber bedruckte Seiten von Haut, die man später zusammengeknüllt im Abfall des Tages findet. Eine letzte Tasse Kaffee noch und das Tier im Menschen gibt Ruhe, den gerösteten, gemahlenen, überbrühten Bohnen sei Dank. Der Mann ist wieder Dompteur seiner sinnlosen Sinne und flieht zurück in den Käfig Welt, der ihn gefangen hält.

Straßencafés im Sommer, öffentliche Orte erotischer Offenbarungen und Verlautbarungen. Versteckte bis kaum verschämte Zurschaustellungen geheimer Wünsche und Sehnsüchte bis hin zur offenen lasziven Provokation, das kokette Spiel von Augen, Lippen, Händen, die Kaffeetassen nur als Medium der Signalsendung nutzen. Die mal offensichtlichen, mal kaschierten Botschaften schöner Körper, die vertraut sind mit langanhaltenden, ausufernden Blicken abschätzenden Begehrens, die über sie gleiten, sie abtasten mit den inneren Händen nach irgendeinem Makel, der diese magnetische Anziehungskraft beeinträchtigen könnte.
Und dann die von der Natur oder von der Eigenverantwortung vernachlässigten Leiber aus der zweiten Reihe, die mit dem gleichen leidenschaftlichen Sehnen nach Passion und obsessiver Begegnung bis zur Erfüllung in Konkurrenz zu treten versuchen mit den attraktiven Vorzeigemodellen aus den angesagtesten Kunstateliers der Genetik, der
variationsreichen Schöpfungsgeschichte.
Für Flaneure und Voyeure wie mich ist es stets ein Fest, unerkannt mitten unter diesen Wesen zu lustwandeln oder zu sitzen, die unentwegt Hormone produzieren und ausschütten hier auf den Schauplätzen, auf den Laufstegen der Jahreszeit, die mit der Luft alle Körper erhitzt und in Wallung bringt, dass selbst aus den einsamsten und verlorensten Seelen der Schweiß von Endorphinen rinnt. Erst im Herbst gewinnen dann die Serotonine wieder Überhand, wenn die Einsamen von den sommerlichen Plätzen wieder die Wendeltreppen der Depression hinabschreiten in die Kellerverliese ihres Daseins.

Doch an diesem Sommertag sind sie weit entfernt von Dunkelheit und Leid, dem Licht, der Hitze, der Lebendigkeit anvertraut wie der Dichter, der im Schatten sitzt und sie buchstäblich in seinen Gedanken skizziert.

Aus der sicheren Deckung seiner Ray-Ban-Festung kann er ungestört und ungestraft seiner Vorliebe fürs Beobachten, ja zugegeben, seinem ausgeprägten Sinn fürs Spannertum frönen, die in den Straßencafés der Welt umfassendste und vielseitigste Befriedigung erfährt. Beim Cappuccino gibt er sich dem sinnlichen Geknister von Mimikry und Gesten hin, dem pantomimischen Gewerbe, das in den besten Momenten eine elektrisierende kaum wahrnehmbare Bewegung und Andeutung einer Person ist, die ein Subjekt ihrer Begierde kurz und fest und sicher fixiert wie ein Raubtier und dann scheu davonspringt wie ein aufgescheuchtes Reh.

Eine Latte macciato weiter kann sich der Schreiberling einem der schlimmsten Fälle von direkt versuchter Kontaktaufnahme nicht entziehen, wird er ungewollt Zeuge eines plumpen Balzverhaltens, das sich mit ungelenker Bodybuilderathletik zwischen den Kaffeestühlen Bahn bricht und ein weibliches Opfer ansteuert, das mit seinen nicht zu übersehenden Reizen offensichtlich das zentrale Nervensystem des Hünen in höchste Vibrationen versetzt hat. Rechtzeitig schrillen die Alarmsirenen der Schönen, um die Unbedachtheit der von ihr ausgesendeten Zeichen zu korrigieren.

Ein leichtes Kopfnicken, das kurze Zuschlagen der Augenlider und die Tausendstelsekunde eingefrorener Mundwinkel verjagen den Kraftsportler auf Beutezug und lassen ihn mit dem eingravierten Lächeln in der Machomaske kehrt machen und weiterziehen zum nächsten Kaffee-Kontakthof, einer Eisdiele, die jüngeres, unerfahrenes Wild im Gehege der Tische, Stühle und Sonnenschirme zum Abschuß freigibt. Wie dort manche Mädchen ihre Beine übereinanderschlagen, ihre unverfroren selbstbewußte Weiblichkeit auf die Promenade und in die Gassen verströmen, wundert es, dass die dazwischen hin und her eilenden italinienischen Kellner nicht öfter Kaffee übers Kopfsteinpflaster verschütten.

Der Espresso ristretto zum Abschied mischt der klebrigen Süße des Tages eine wohltuende Bitterkeit bei, die den Poeten wieder zur Besinnung kommen lassen. Gerade rechtzeitig. Denn in dem Augenblick, wo er die Münzen auf den Tisch legt, stöckeln ein paar Frauenbeine in sein Aufstehen und versperren ihm den Weg in die Freiheit der Abenddämmerung. Die Entschuldigung, die über die roten Lippen kommt, erfolgt in einer Stimmlage, bei der sich die Härchen auf seiner Haut aufstellen. Er nimmt die Sonnenbrille ab, blickt ihr für einen langen Moment in die kaffeebraunen Augen, wo er eine ihm bekannte, sehr vertraute weiße Wolke vorüberziehen sieht. Er widersteht der Versuchung ihres Atems, ihres Duftes, ihres Dekolletés und des Mundes, der alles von ihm will, hier und jetzt oder nie.

Er wendet sich von der Wundervollen ab ohne sichtbares Zögern, obwohl es ihn im Innersten zu ihr zieht, zum Unvermeidlchen, wie er es aus fast allen Filmen kennt. Aufgesaugt hat . Aber hier ist Literatur im Spiel, hier ist die Täuschung der Bilder nicht vorgesehen, hier diktieren Wörter das Geschehen und die befehlen ihm zu gehen. Auch sein Blick geht von ihr, zum Himmel hin und mit dem ersten Schritt liest er sich in Gedanken die Erinnerung an Marie A. vor.

Cappucino-Vers 1
Milchschaumoberlippenflaum,
weiße Spur eines Bärtchens nur,
und dann die Zungenleckwegrasur,
etwas Schöneres gibt es kaum.

Cappucino-Vers 2
Ein leiser Hauch von edlem Zimt,
der auf den Cappucinos britzelt
und zärtlich unsere Nasen kitzelt:
Erfüllung, Dir und mir vorbestimmt.

Manchmal vermisse ich die Geräuschkulissse, die mich während der Jugendzeit meiner Café-Erkundungen und Kaffee-Gewohnheiten treu begleitet hat. Das Klackern der Billardkugeln beim Zusammenstoß, jede Carambolage ein kurz hervorspringendes Ticken der vergehenden Zeit. Das anschwellende Kreischen der Kreide auf der Wandtafel, zu dem sich als zweite Kopfstimme gelegentlich ein dahintaumelndes Quietschen beim Einkreiden der Queue-Pomeranze gesellte, das die Gänsehautanfälligeit mancher Sensibelchen verstärkte. Dahinter etwas versteckt liegend das Rappeln und Klingeln des Flipperautomaten, in das sich die monoton piepsende Tonleiter des Geldspielautomaten einmischte, der bei Tag und Nacht von irgendeinem Fremden mit dem ersten Gehalt oder den letzten Ersparnissen gefüttert wurde. Manchmal gipfelte der groschenverzehrende Gesang in ein endlos scheinendes, rauschendes Münzgeklimper, wenn die Maschine den Gewinn einer sogenannten Serie in Kaskaden ausspie, was allerdings eine Seltenheit war. Das vertraute Knistern beim Aufsetzen der Nadel auf eine wegen zeitweiliger Beliebtheit überstrapazierte Schallplatte. Und dann das unvermeidliche, minutenlange Knacken, das ein Musikstück an immer der gleichen Stelle repetieren ließ bis der schläfrige Wirt endlich auch die nervtötende akustische Dauer-Folter bemerkte und der Song schließlich damit sein abruptes Ende fand unter den tonarmzerrenden Händen des Hausherrn. Das war der ganz persönliche vielstimmige Kaffee-Kanon im eigentlichen Domizil meiner stürmenden, drängenden Jahre, die mir im Rückblick als langer, unaufgeregter, gleichförmiger Strom von Gelassenheit und Müßiggang erscheinen.

Lass mir einen Zuckerwürfel Zeit, um zu erklären, warum die Kaffeezeit mit dir nicht ganz nach meinen Vorstellungen war.

Die Ansammlung, Anhäufung geradezu von Bistros – Kaffeekapellen - im Pariser Stadtbild. Ein beinahe verschwenderisches Prahlen mit Offenherzigkeit, das allein damit entschuldigt werden kann, dass es sich um die Stadt der Liebe handeln soll. Diese charmant-verruchte Metropole, die ohne jede Scham und Diskretion Sinnlichkeit postuliert, macht aus zwei Kaffeetassen auf einem Bistrotisch an einer beliebigen Straßenecke der entlegensten Gasse ebenso wie an den zentralen Plätzen der pompösesten Boulevards ein erotisches Stilleben, dem alle Fantasien hinzugefügt werden dürfen, ja sollen, die zwischen Frau und Mann, Frau und Frau, Mann und Mann je erdacht, erlebt, ersehnt wurden und werden.

In Rom wirkt jeder noch so kleine Schluck Kaffee übergroß und bedeutungsschwer. Beschleicht den gewöhnlichen Kaffeetrinker doch hier das gleichermaßen erhabene wie demütige Gefühl, mit jeder Tasse das römische Reich und seinen Untergang mitsamt der hier versammelten Ruinen und Reliquien, sowie das ganze Christentum, also Gott und seinen Stellvertreter auf Erden zu bestellen. Wieviel Trinkeld soll man da nur geben?

Kurze Werbe-Unterbrechung: Krampfhafte Familien-Krönung verursacht nur Kopfschmerz-Dröhnung. Die Gräfin von Pfuel-Gala lässt den Adligen protzen und den Normalsterblichen kotzen. Der alleinerziehenede Melitta-Papa hat irgendwie unsere Na-ja-Gerade-so-eben-Sympathie, der dumme, selbstverliebte Herr Darboven nie. Das Dallmayr-Klischee ist traditionell bieder-alt, läßt uns deshalb vielleicht nicht ganz kalt. Doch dann taucht aus der Vergangenheit der liebenswerte Tschibo-Mann auf - das war Kaffee-Aufklärung, Genuss-Tourismus, die Bohne Glaubwürdigkeit und darum Ehrenkauf.

Zeitraffer einer Liebe: Er, Sie, eine einst sonnenüberflutete Terrasse, zwei vormals überschäumende Tassen, nun nurmehr ein Wort, das ein anderes gibt, von Hals über Kopf verliebt zu von Jetzt auf Gleich zerliebt. Ein tränenreicher flehender Blick, kein verzeihendes, neues Vertrauen leihendes Zurück, das Brechen der Versprechen, verletzter Stolz und all die anderen unsagbaren Schmerzen, die Stille in den zerrissenen Herzen. Mehrere fassungslose Schweigen später eine verschattete Terrasse, zwei leere Tassen, jede für sich einsam und verlassen.