Thomas Schubert schreibt
„100 mal durchgekaut“
Texte zu Fotografien von Manuel Schroeder für die künstlerische Hommage an die Kaugummiautomaten


Hosentaschen

Kurze Hosen. Schuhe voll von Sand.
Lausbubenlachen im verdreckten Gesicht.
Zarte Finger –nagelschwarz - kramen,
zerren Reichtümer ans Licht.

Die kleinen Jungenhände bergen, hüten
Heiligtümer im sicheren Versteck.
Geheimnisse, die niemand sonst kennt.
Kostbarkeiten, gerade erst entdeckt.

Zwei Kuhlen wahrer Wunder.
Was halten sie bereit?
Spielplatz, Schwarzmarkt, Fundus,
Herbarium der Kinderzeit.

Kaugummikugel, Bleistiftstummel,
ein Karamelbonbon in Stanniol,
Kastanie, Eichel, Spiegelscherbe,
ein Fingerhut, ein schöner Karneol.

Rostige Schraube, Mutter von Vater,
ein Streichholz ohne Schwefelkopf,
Schnürsenkel, Muschel, Matchbox Auto,
ein abgerissener Hosenknopf.

Schneckenhaus, ein Stückchen Kreide,
Zinnsoldat mit einem Bein.
Zahnrad, Zifferblatt ganz ohne Zeiger,
Murmel, Kamm, Lego- und Kieselstein.

Getauscht, gesammelt, preisgegeben.
Schätze, die wertvoller sind als alles Geld.
Zwei Hosentasche – Fülle des Lebens.
Zwei Kinderhände – Gewicht der Welt.


Endlich hatte ich alle 32 Zähne im Mund. Die wollten beschäftigt sein.

Manche Menschen haben an Ihrer Kindheit ganz schön zu kauen.

Je besser der Speichelfluß desto schöner der Zungenkuss.

Wenn Großmutter etwas haßte, dann war es Kaugummi kauen. Aber wenn sie etwas mehr als alles liebte, war es, mich glücklich zu sehen. Wenn ich mit leuchtenden Augen auf den Automaten an der Ecke unserer Straße zulief, verdrehte Großmutter zwar die Augen, aber ein Lächeln spielte bereits um ihren Mund. Sie hielt den Groschen schon in der Hand, den sie mir mit einem vorgetäuschten Zögern reichte. Sobald meine Zähne die bunte Kaugummikugel zerbissen, war es mein Lachen, dass Großmutter Lachen machte.

Ich wollte immer nur die rote.
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mit wie vielen Münzen versuchte, eine der roten Kaugummikugeln aus dem Glassilo zu befreien. Eine rote fiel mir nie in die Hände.

Seifenblasen liebten wir Kinder sehr. Doch fast noch mehr gefiel es uns, um die Wette Kaugummiblasen zu machen. Größer, dünner, runder. Das knallende Geräusch beim Platzen der Gummihaut, die rundum verklebten Münder, das Wieder- und Wiederkäuen bis zur Geschmacklosigkeit. Auf ein Neues, die Automaten sind voll von bunten Bällen, die nur darauf warten, als wundervollste Kaugummiblase der Welt aus einem Kindermund zu wachsen.

Dreigroschenoper für Anna, Moritz und mich.

Nichts habe ich so gehaßt wie meine Zahnspange.

Das dumpfe Pling des Zehnpfennigstücks beim Einwerfen. Das knarzende Krachen des Zahnrades beim Umdrehen. Das flüsternde Geraschel der Kugeln beim Nachrutschen. Das surrende Rauschen der Kugel beim Hinabrollen. Das kurze Klicken beim Anschlagen an die Klappe. Das nachhallende Krachen der Kaugumminuss beim Zerbeißen. Das Schmatzen...

Hunderte von Kugeln in der gläsernen Schatztruhe. Mittendrin der glitzernde Ring für meine Angebetete. Die schönste von allen. Das Mädchen mit den blonden Zöpfen und den Sommersprossen. 5 Groschen, um ihr meine Liebe zu beweisen. Eine blaue Kugel, eine weiße, eine gelbe, eine grüne und noch eine weiße. Der goldglänzende Ring blieb verborgen im bunten, runden Durcheinander. Ich habe alles, was ich besaß, für Dich gegeben, Maria. Ich war unsterblich in Dich verliebt. Nie habe ich es Dir gesagt.

Chattanooga Chew Chew

Ich kann mein Maul einfach nicht halten, mir kommt immer was dazwischen.

Unter den Schulbänken klebt die gesammelte Langeweile des Unterrichts.
Das war dann jetzt mein letzter Milchzahn.

Bist du doch selbst schuld, wenn dir die Spucke wegbleibt.

Die schönste Art, nicht nichts zu tun.

(in memoriam Levke, Sonja und Tom und alle anderen ihres Lebens beraubter Kinder)
Wenn ihr aufwacht bei Gott, sind alle Qualen und Ängste vorbei.
Die bösen Träume verfliegen, die Monster werden vergessen, gefressen von der Zeit,
Die Dämonen und Gespenster sind verdammt für alle Ewigkeit.
Der Himmel steht euch offen und für alles bereit.
Seht, die Wolken sind Kaugummiblasen, die niemals platzen werden,
sie schweben farbenfroh umher und tauchen kunterbunt zur Erde,
Euren Eltern zu, damit ihre Trauer sich in Trost verwandelt.
Und weil es sich um den frischen Wind Eurer Herzen handelt,
der diesen Gruss antreibt,
trocknen alle Tränen,
jeder Schmerz vergeht,
und nur die Liebe bleibt.

Es gibt viel zu tun. Kauen wir es durch.

„Junge, Du mußt Dich durchbeißen im Leben.“ „Ich weiß Papa, ich übe ja schon.“

Kennst du das? Du willst nur ein Kaugummi, wirfst die letzte Münze in den Automaten und was kommt raus? Nichts, absolut nichts.

Kau´ mal einer an.

Ein amerikanischer Soldat kam im Herbst 1945 nach Deutschland. Er fühlte sich fremd.
Elf lange Jahre lang. Eines abends, als er Freigang hatte, schlenderte er durch die kleine hessische Stadt, in der er stationiert war und entdeckte einen Kaugummi-Automaten. Der GI steckte eine Münze des Geldes, das ihm ebenso fremd war wie alles andere in den schmalen Schlitz der Maschine und lauschte dem Klang des heran rollenden Chewing gum. Zwei Minuten stand der immer noch junge Mann an diesem Ort und kaute den Gummi, der farbig war wie er. Er kaute und kaute und kaute und fühlte sich schon ein wenig zuhause.

Warum sind diese Kästen eigentlich alle rot?

Schon mal jemanden gesehen, der die leeren Kaugummi-Automaten nachfüllt? Ich auch nicht. Ist das jetzt ein Mysterium?

Auf der Couch liegen und dem Psychoanalytiker erzählen, dass das erste sexuelle Erlebnis die Begegnung mit einem Kaugummi-Automaten war.

Jetzt weiß ich endlich, warum ich oral fixiert bin.

Zieht eigentlich irgend jemand jemals Erdnüsse?

Ich hatte noch niemals Zahnstein.

Merkwürdig. Die Mädchen aus unserer Straße tauchten mit ihrem Gummitwist immer in der Nähe eines dieser Automaten auf.

Nimm ihn aus dem Mund und warte, bis er hart geworden ist. Und dann laß diesen Stein über die Wasseroberfläche springen.

Oh Baby Baby balla balla

Weiss gelb grün grün schwarz rot rot blau gelb weiss blau weiss gelb gelb gelb schwarz blau rot weiss rot grün blau blau weiss schwarz gelb grün rot schwarz schwarz weiss weiss orange...

Der Mund ist der geeignetste Ort, um zu lernen, wie man die Fäden zieht.

Ich sehe was, das du nicht sieht und das ist weich.

Über zwanzig Jahre lang hing er an dieser Stelle, der rote, rostfleckige Kasten. Das Objekt unserer täglichen Begierde. Gleich neben dem großen Fenster der Wäscherei, an dem wir uns manchmal die kleinen vorwitzigen Nasen platt drückten. Natürlich inbrünstig Kaugummi kauend. Unser heißer Atem erzeugte meist Dunstkreise auf der Scheibe, die im Rhythmus unserer Atemzüge stets für einen kurzen Moment erblindete. Die Wäscherei-Besitzerin strafte uns, sobald sie uns wahrnahm, mit strengen Blicken und einem leicht verärgerten Kopfschütteln. Wir konnten sie förmlich seufzen hören ob unserer Unverfrorenheit, die Abdrücke unserer Nasen und Hände auf der spiegelblanken Fläche zu hinterlassen. Schließlich war sie es, die am Abend die Spuren unserer Neugier vom Glas wischen mußte. Verschmierte Fenster vertrugen sich nun einmal nicht mit dem Ruf makelloser Sauberkeit. Ich weiß nicht, wie oft die Frau wohl den Automaten verwünscht, ihn sich weg gewünscht hat. Jetzt zeugt nur noch der helle Schatten seiner Umrisse von der Existenz des von uns geliebten Kaugummi-Spenders. Von dem hundertfachen kurzen Glück, das er uns schenkte. Von dem spannungsvollen Augenblick des Münzeinwurfes bis zum Öffnen der Klappe. Von der übergroßen Freude, wenn uns nicht nur ein Kaugummi, sondern auch eines der kleinen Geschenke in die Hände fiel, die wir bei jedem Dreh erhofften. Das Leben wird ohne den Automaten nicht mehr das selbe sein. Weniger bunt, grau und trist wie die Fassade, die der Maschine über so lange Zeit sicheren Halt bot. Bis jemand auf die Idee kam, alle Kinder, die uns in der Bewunderung für den roten Kasten nacheiferten, von jetzt auf gleich zu enttäuschen.

Manchmal kommt das Glück im Handumdrehen.

Sorry Baby, aber ich mach´s schon seit meiner Kindheit nur mit Gummi.

Heute kostet dich der Spaß schon mindestens 20 Cent. Wohl dem, der noch vor dem Euro aufgewachsen ist.

Stell Dir vor, es ist deine letzte Münze und die klemmt im Schacht fest.

Erinnerst du
noch diese dämliche Fernsehwerbung für Wrigleys Gum, in der ach so nette junge Menschen mit überdimensionalen Kaugummi-Packungen auf der Schulter durch die Stadt liefen. So einen Schwachsinn hatten die Kugeln aus den Kaugummi-Automaten dieser Welt niemals nötig, um begehrt zu sein.

Ich will aber lieber einen Lutscher...ich will, ich will, ich will...

Wie sang Herbert Grönemeye
r so treffend? „Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende...wir werden in Grund und Boden gelacht...Kinder an die Macht!“

Im Rückblick, in der Erinnerung wird uns oft erst bewußt, welche scheinbar banalen Dinge in der Lage sind, uns das Momentum Glück erleben zu lassen, und wie schmerzlich wir diese kleinen Geschenke vermissen.

Ich kaue, also bin ich (sehr frei nach Descartes).

Erinnerung eines Kaugummi-Automaten an einen Montag: Thomas, Manuel, Anna, Michael, Lena, Jasmin, Gudrun, Gabriel, Özgür, Cem, Michaela, Stephan, Stefan, Robert, Tim, Anja, Dirk, Heinz, Judith, Denise, Patrick, Lara, Heiko, Josefa, Maria, Sarah, Max, Moritz, Bastian, Janosch, Helena, Johanna, Lilifee, Gert, Monika, Serafin Robin, Dennis, Marco, Sybille, Jennifer, Cindy, Christel, Heinrich, Bastian, Janosch, Sabine, Walter, Ursula, Uschi, Kurt, Lydia, Heinrich, Christel, Andrea, Esther, Peter, Klaus-Peter, Susanne, Rainer, Raimund, Jasper, Elke, Susi, Rudi, Anne, Manuel, Thomas....

Wenn sie dann erwachsen sind, nennen die Mädchen es Fellatio und die Jungen Cunnilingus.

Stell Dir vor, am Eingang einer äthiopischen Schule hinge ein Kaugummi-Automat. Siehst Du die strahlenden schwarzen Gesichter, das Blitzen der weißen Zähne lachender Kinder? Siehst Du das fröhliche Funkeln in den dunklen Augen? Siehst Du die Freude, den Frieden, das Glück, die Hoffnung, dass diese bunten Kugeln das Ende einer langen Kette sind, die Nahrung heißt? Stell Dir vor, Du hast ein paar Münzen in der Tasche, die Du nicht opferst für Dein eigenes Vergnügen, sondern hergibst für den Traum Deines Bruders, Deiner Schwester am anderen Ende der Welt. Siehst Du die Freude, den Frieden, das Glück, die Hoffnung in Deinem Gesicht, wenn Du in den Spiegel blickst?

Ene mene miste, es rappelt in der Kiste. Ene mene muh und jetzt kaust Du.

Wetten, ich kann meinen weiter spucken?

Im Mund, im Mund, da geht es rund, ganz kunterbunt, bis deine Zähne die farbigen Kugeln zerbeißen. Hundert mal durchgekaut - Abrakadabra simsalabim – und Du machst aus vier bunten einen weißen.

Hattest du auch mal eine Freundin, die beim Küssen ständig einen Kaugummi im Mund hatte?

Kauderwelsch – die unverständliche Sprache eines jungen Menschen, der während des Redens fortwährend Kaugummi kaut.

Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt!

Es gibt ein Leben nach dem Schnuller.

Gibt es eigentlich auch Automaten im Kaukasus?


Wenn ihr fünf Kinder seid, zusammen dreizehn bunte Kaugummikugeln habt und von jeder Farbe zwei Stück, wie viele Zähne haben dann wie lange zu kauen, bis ihr diese Rechenaufgabe zur Zufriedenheit eures Lehrers gelöst habt?

Während eines feierlichen Hochamtes hatte ein katholischer Priester eines Tages bemerkt, dass einer der Meßdiener still und heimlich einen Kaugummi kaute. Am nächsten Tag stand in der Boulevard-Presse die Schlagzeile: MINISTRANT WEGEN ORALER SÜNDE AUS KIRCHE VERBANNT.

Ich weiß nicht,
wie viele Frauen und Männer ich fluchend an Bordsteinkanten habe stehen sehen in dem verzweifelten Bemühen, einen frisch gekauten, an den Schuhsohlen fest klebenden Kaugummi abzustreifen.

Ausgeleierte Legosteine habe ich immer mit etwas Kaugummi fixiert.

Manche Familien in unserem Viertel waren so arm, dass nicht einmal ein Groschen für die Kinder übrigblieb, sich einen Kaugummi zu ziehen.

Unterhalb des Automaten an der Ecke war manchmal ein dunkler Fleck an der Mauer zu begutachten, der scharfe, stinkende Dämpfe verströmte. Wenn die Hunde Gassi gingen, machten wir einen weiten Bogen um die Kaugummis.

Kauste was, biste was!

Es war so, es ist so, es bleibt so: Wenn ein Junge einen Ball sieht, kann er nicht widerstehen.

Ich fühlte mich wie ein Mädchen, wenn ich mit den Mädchen Hüpfkästchen spielte. Aber sobald ich einen Kaugummi mit meinen Zähnen bearbeitete, fühlte ich mich wie ein Mann.

Die schlimmste Bestrafung für ein langhaariges Mädchen, das eitel bis zur Arroganz und nervtötend zickig war, war ihr Kaugummi ins Haar zu kleben. Das Geschrei und Gezeter hörte man stundenlang in der ganzen Straße. Wenn sie dann an einem der nächsten Tage zum Spielen kam, mit dem offensichtlichen Makel einer abgeschnittenen Haarsträhne, näherte sie sich uns vorsichtig, demütig, aber auch plötzlich auf eine ganz natürliche, zugewandte Weise, die nicht nur ihrem Gesicht, sondern ihrem ganzen Wesen endlich das verlieh, was sie sich zuvor bloß als Attitüde zugelegt hatte: Schönheit.

Wir waren junge Wilde, die sich zusammen stark fühlten und aus eben jenem Gefühl der verschworenen Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit den individuellen Mut beweisen wollten, beweisen mußten. Keiner von uns wollte als Schwächling dastehen in der Gruppe und jeder überwand voll Furcht vor der Bloßstellung als Feigling das Zögern, Grenzüberschreitungen zu begehen. Wir zogen los durch unser Revier, neugierig auf Abenteuer, auf grausame Weise bereit, der ersten fixen Idee, die einer von uns aussprach, die notwendigen Taten folgen zu lassen. Einmal schlichen wir uns in der Abenddämmerung in die Schrebergärten hinter dem Bahndamm, die von spießbürgerlicher Idylle geprägt waren mit den sauber gesetzten und akkurat, ja nahezu geometrisch angelegten Beeten. Wir legten uns in den Gebüschen am Wegesrand auf die Lauer, warteten, bis die Kleingartenbesitzer ihre Refugien verließen und legten dann mit unseren Zwillen auf die zahlreichen Blüten, auf die rot leuchtenden Tomaten und andere Früchte an. Wir triumphierten im Rudel, wenn einer von uns einen Volltreffer landete und eine der Früchte unter einem gezielten Schuss zerplatzte. Meine rühmlichste Tat wurde begeistert gefeiert, umjubelt, als ich einem Gartenzwerg die rote Mütze vom grinsenden Kopf schoß. Aber dann kam der Abend, an dem wir für immer unsere Zwillen an den Nagel hängten. Einer von uns hatte in Ermangelung der üblicherweise benutzten kleinen Kieselsteine, die stets als Munition unsere Hosentaschen füllten, einen hart gewordenen Kaugummi in das Gummi seiner Zwille geladen. Wir sahen ihm zu, wie er das Gummi spannte und eine streunende Katze ins Visier nahm. Als er sie an der Schläfe traf und das grau getigerte Tier zusammensackte und leblos in ein Erdbeerbeet sackte, sahen wir uns fassungslos, regungslos an, begannen zu zittern und erst leise, dann immer lauter zu weinen. Uns wurde schmerzlich bewußt, dass unsere Spiele die Leichtigkeit verloren hatten, unsere Seelen die Unschuld, dass die Angst mit schlechtem Gewissen im Schlepptau unser Leben erfaßt hatte und alles Heldentum von uns abfiel im gleichen Augenblick. Wir rannten, rannten, rannten tränenüberströmt davon in die Sicherheit und Geborgenheit unserer Familien.

Schwestern und Brüder sind wie oft wie Katze und Hund. Es sei denn, sie haben einen Kaugummi im Mund.

Zeige mir, was du kaust und ich sage Dir, wer du bist.

Der Schulzahnarzt kam, sah und verlor.

Mutter, ich danke dir für all die Momente, in denen dein Gefühl über deine Vernunft siegte.

Wie cool kann man aussehen, wenn man ganz lässig Kaugummi kaut, aber dabei eine Knickerbocker, Kniestrümpfe und Sandalen trägt?

In dem kurzen atemlosen Moment, in dem du deinen Kaugummi verschluckst, wird dir bewußt, dass du eine Speiseröhre hast.

Als Joseph Rosenbaum im Alter von sechs Jahren durch das Tor des Konzentrationslagers Dachau schritt, hielt ein amerikanischer Jeep neben ihm. Der Soldat am Steuer beugte sich zu ihm heraus und sprach ihn an. „Hey boy, are you okay?“ „You´re free now!“ berichtete der GI dem Jungen freudestrahlend. Joseph Rosenbaum verstand kein Wort und schüttelte ängstlich den Kopf. Als der Soldat in seine Brusttasche faßte und ihm einen Streifen Kaugummi reichte, griff Joseph zögernd danach, wußte aber nichts damit anzufangen. „Chew! Chew!“ machte der GI es ihm laut schmatzend vor. Ganz vorsichtig steckte Joseph Rosenbaum das Geschenk in den Mund und begann langsam und skeptisch, den Kaugummi zwischen seinen Zähnen zu bewegen. Ganz kurz huschte ein leises, scheues Lächeln über Josephs Gesicht und der Soldat strich ihm aufmunternd übers Haar. „Jew! Jew!“ rief der Junge dem davon brausenden Jeep hinterher und begriff nicht, warum der Soldat plötzlich lauthals lachte. Wenn man Joseph Rosenbaum heute fragt, ob er nach all dem, was er im Holocaust erlebt und durchlitten hatte, jemals für einen Augenblick völlig glücklich gewesen sei, dann er erzählt diese Geschichte.

„Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, sitzt du beim Abendessen ohne Kaugummi im Mund.“

Vater, ich wünschte, du hättest weniger Prinzipien gehabt und dafür auch weniger Karies.

Armer Opa, du hast ja gar keine Zähne mehr.

Hast du auch immer gesagt, du lutscht einen Hustenbonbon?

Rothaarige Jungs haben so gut wie immer einen im Mund. Blonde Mädchen mit Zöpfen hingegen nie.

All die verklebten Hosentaschen und die vielen verzweifelten Mütter, die bei der Wäsche damit zu kämpfen haben.

Wieviele unschuldige Kinder
sind wohl ihren Mördern und Schändern in die Hände gefallen, nur weil diese Unmenschen die Perfidität besaßen, die Kleinen mit einem Kaugummi zu verführen und ins Verderben zu locken?

Über die Lippen kommt eine Blase,
die wächst ans Kinn und an die Nase. Wird immer größer und dünner und platzt, dass es knallt. Einmal kurz kauen und Atem holen, die nächste Blase, sei sicher, kommt bald.

Seit langem mal wieder eine der bunten Kugeln aus einem Automaten gezogen und beim Kauen kamen mir plötzlich alle die Helden meiner Kindheit wieder in den Sinn: Bugs Bunny, Schweinchen Dick, Goofy, Daniel Düsentrieb, Helferlein, Pluto, Fix und Foxi, Lupo, A-Hörnchen und B-Hörnchen, Charlie Brown, Snoopy, Schröder, Lucy, Wastl, Superman, Batman, Prinz Eisenherz, Asterix, Obelix, Idefix, Majestix, Troubadix, Miraculix, Lucky Luke, Die Daltons, Die kleinen Strolche, Ernie und Bert, Kermit, Krümelmonster, Ratz und Rübe, Das Urmel aus dem Eis, Kalle Wirsch, Kater Mikesch, Lukas und die wilde 13, Die Maus, Das Sandmännchen, Dick und Doof, Tom und Jerry, Tweety, Sylvester, Roadrunner, Der Coyote, Speedy Gonzales, Fury, Lassie, Flipper, Skippy, Black Beauty, Pippi Langstrumpf, Tommy und Annika, Pan Tau, Der Pumuckl, Lolek und Bolek, Tim und Struppi, Schneewittchen, Aschenputtel, Der kleine Muck, Der Däumling, Hänsel und Gretel, Pu, der Bär, Mogli, Balu, Shirkan, Ka, Peter Pan, und alle die anderen, mit denen ich mir die kostbare Kinderzeit vertrieb.

Gibt es in Hafenstädten eigentlich auch Kautabak-Automaten?

Ich hoffe, im Himmel hängt irgendwo ein Kaugummi-Automat.

„Lumpen, Eisen, Papier!“
schrie der alte Mann, wenn er seinen Holzkarren durch unsere Straße schob. Der Lumpensammler schleppte sich mit größter Anstrengung durchs Viertel, in dem die meisten Menschen ihn mieden und aus dem Weg gingen, weil seine gebeugte Gestalt mit dem verfilzten langen Bart nicht sonderlich vertrauenerweckend wirkte. Zudem schienen seine Kleider aus den Lumpen gemacht, die er sammelte. Aber ich war fasziniert von ihm und seiner Erscheinung, liebte die große Glocke, die er in der Hand schwang, um sich anzukündigen. Stets öffneten sich einige Fenster und der Sonderling wurde skeptisch in Augenschein genommen. Ich empfand Mitleid für ihn, weil alle Welt gegen ihn zu sein schien, weil er verspottet und verlacht wurde. Eines Tages, als ich von weitem wieder seine Stimme hörte, wuchtete ich ein zusammengeschnürtes Bündel Zeitungspapier aus unserem Keller die steilen Treppen hoch bis auf die Straße. Als der Lumpensammler mich mit meiner Spende sah, hellte sich sein Blick auf und er lächelte mich dankbar an. Er ermunterte mich, ihn ein Stück zu begleiten, was ich voller Stolz tat. An der Kreuzung ließ er seinen Holzkarren sinken und ging auf den Kaugummi-Automaten zu. Er kramte eine Münze aus seiner verschlissenen Jacke und warf sie in den Schlitz. Dann winkte er mich zu sich und bedeutete mir, die Schraube zu drehen.
Die Freude des Lumpensammlers über mein Glück mit dem Kaugummi war so groß, dass sein Lachen die lückenhaften Zahnreihen sehen ließ, die aus dem Dickicht seines Bartes traten. Er winkte mir zum Abschied zu und über Monate hinweg begegneten wir uns immer wieder mit dem gleichen Ritual. Ich versorgte ihn mit Altpapier und er mich mit Kaugummi. Eines Tages kam er nicht mehr und blieb für immer verschwunden. Aber heute noch, wenn ich meine Heimatstadt besuche und in die kleine Straße einbiege, halte ich einen Moment inne und lausche, ob ich nicht doch in der Ferne das Läuten seiner Glocke hören kann.

Zwischen der harten Kaugummikugel und der weichen Kaugummiblase besteht ein kau-saler Zusammenhang.

Cooler als bei John Wayne und James Dean hat das Kaugummi-Kauen nie ausgesehen.

Wenn die Außerirdischen kommen, sei freundlich zu Ihnen und führe sie zum nächsten Kaugummi-Automaten. Sie werden Dir wohlgesonnen sein.

Selbst die größten Streber in unserer Klasse sind ein paar Mal kleben geblieben. Dafür haben wir schon gesorgt.

Es gibt ein Leben vor den Weißheitszähnen.

Lieber eine Kaugummifüllung als den ganzen Mund voll Amalagam.

Die Kaugummi-Automaten, die heute noch an vielen Stellen hängen, sehen so verlassen und trostlos aus, als hätten wir sie zuletzt benutzt.

Die einzige Erfindung im Süßwarenbereich, die den Kaugummi-Automaten ebenbürtig ist, sind die Überraschungseier.

Kein Wunder, dass man die Erde für eine Scheibe hielt, bevor es Kaugummikugeln gab.

Wenn wir heimlich geraucht hatten, führte kein Weg am Kaugummi-Automaten vorbei. Wir kauten und kauten und kauten und unser Atem verriet uns doch.

Das Kaugummikauen machte das Tragen von Lederhosen etwas erträglicher.

Wenn der Geschmack raus ist, mußt du einfach etwas Cola trinken und für ein paar Sekunden im Mund halten. Dann ist dein Kaugummi wie neu.

Tante Käthe wollte zur Begrüßung immer einen Kuß.
Bis ich zu meinem Glück entdeckte,
dass Kaugummi-Kauen ihr nicht schmeckte.
Da war mit dem Tante-Küssen endlich Schluß.

Wenn erst einmal der Groschen bei dir fällt, wird sie farbenfroher, deine Welt.

(In Freundschaft für Manuel)
Ich wußte nicht, wieviel Erinnerung und Poesie im Anblick eines Kaugummi-Automaten steckt, wie viele Gedanken und Geschichten sich verbergen hinter den verrosteten Kästen mit den transparenten Plastikbehältern voller bunter Kugeln, die wie Luftballons in den Himmel meines Gedächtnisses stiegen, mich meiner Kindheit und Jugend zu ermahnen. Deine Spurensuche hat mich wieder gelehrt, wie bedeutsam das scheinbar Banale ist. Dein unbeirrbarer Blick aufs kleine Glück hat mir die Augen geöffnet für die Größe der Welt, die sich noch im Kleinsten offenbart. Danke Freund für dein Vertrauen in den Sucher, in dem ich mich wiederfand.

(In Liebe für Lydia)
Erinnerst du die schönen, unbeschwerten Tage, als wir Teenager waren? Zu allem bereit, was glücklich macht. Neugierig aufs Leben, auf die Liebe, die wir nur aus dem Fernseher kannten, aus den Schlagern im Radio und aus den Versen, die wir in Poesiealben schrieben. Wir trafen uns auf dem Spielplatz und rauchten heimlich unsere erste Zigarette, die bitter schmeckte. Und auf der kleinen Holzburg gaben wir uns den ersten Kuss, der um so süßer war. Als ich dich das erste Mal nach Hause brachte, verliebt und schüchtern, kamen wir an dem Kaugummi-Automaten in unserer Straße vorbei. Ich fand einen Groschen in meiner Hosentasche, steckte ihn in den Münzschlitz, drehte den Knopf und öffnete meine Hand unter der Metallklappe. Es war das erste und einzige Mal, dass kein Kaugummi herausfiel, sondern ein goldener Ring. Ich steckte ihn dir an den Finger und schwor dir ewige Liebe, die nur drei Tage dauerte. Doch als wir uns wieder begegneten nach über 20 Jahren, auf einem ALDI- Parkplatz, da schenkte Gott mir eine zweite Chance und ich begriff, dass es keine dumme Phrase ist, dass man sich immer zweimal im Leben begegnet. Und mir wurde bewußt, dass Kreise sich schließen, wie jener goldene Ring, den du aufbewahrt hast in einem deiner Poesiealben, diesem Herbarium deiner Sehnsüchte. Wir werden nie wieder so unbeschwert sein wie damals, so frei und rein und ohne Makel. Aber heute lieben wir uns so, wie wir es uns gewünscht haben, als wir nur eine Ahnung hatten, was die Liebe ist und bedeutet.

Die Kindheit ist ein wundervolles überraschungsvolles Fest,
wenn man den Kindern ihre Freiheiten und Eigenheiten läßt.

Der 1. September in Beslan im Kaukasus. Der erste Schultag für einen ossetischen Jungen und ein befreundetes Mädchen aus der Nachbarschaft, das in die selbe Klasse geht. Auf dem Weg zur Schule teilt der Junge seinen letzten Kaugummi mit dem Mädchen. Beide sind voller erwartungsvoller Freude und Fröhlichkeit und Neugier auf das, was sie im ersten Schuljahr erleben werden, als sie das ehrfurchtgebietende Gebäude betreten. Und sie wissen nicht, begreifen nicht, wie ihnen geschieht, als sie in die Hände von vermummten, bewaffneten islamischen Terroristen fallen, zu Geiseln werden. Angst in den erschreckten Augen, in den unschuldigen Herzen, in den kleinen bisher unbeschwerten Seelen,
zitternden Leibes werden sie zum Faustpfand einer skrupellosen Erpressung, eines unentschuldbaren Verbrechens, das umso barbarischer und perverser zu bewerten ist, wenn man sich vorstellt, dass einige der Terroristen selbst Mütter und Väter sind. Ein Verbrechen an der Kindheit, an der gesamten Zukunft der Menschheit, die jeden Verständnisses für die Beweggründe, jeder Gnade gegen die Täter entbehrt.
Ich bete zu Gott, ich bete zu Allah, dass der Mensch noch einen Funken Menschenverstand in sich spürt und die Kinder in die Freiheit, ins Leben zurückgibt, unversehrt an Körper, Geist und Seele.
Ich wünsche und hoffe und flehe, dass der ossetische Junge und seine Freundin und alle anderen gefangen genommenen Kinder als nächstes eine bunte Kaugummikugel vor sich sehen und keine Gewehrkugel.

Traum vom 3. September:
Ich träumte, alle Waffen und sämtliche Munitionsarsenale, die auf der Erde vorhanden sind, würden jetzt sofort auf einen großen Haufen zusammengetragen und zusammengeschmolzen. Und aus diesem gesamten Vernichtungspotenzial menschlicher Dummheit und Feigheit würde ein Verständigungspotenzial menschlicher Intelligenz und Sensibilität gemacht: Knallrote Kaugummiautomaten mit kunterbunten Kugeln, die überall auf der Welt aufgestellt oder aufgehängt werden. Und wann und wo und warum auch immer zwei Menschen welcher Hautfarbe, welcher Sprache, welchen Glaubens auch immer aufeinandertreffen in Streit oder Uneinigkeit, stehen sie unweigerlich vor einem der verlockenden roten Automaten. Und dann zahlt einer es dem anderen mit gleicher Münze heim, indem er für den Fremden, den Konkurrenten, den Kontrahenten eine Kaugummikugel aus dem Automaten zieht, sie seinem gegenüber reicht und die des anderen entgegennimmt. Beide kauen die kleine Gabe des anderen und beide machen eine Kaugummiblase, bis sie zerplatzt. Der einzige Knall, den sie hören werden, ein Knall, bei dem beide unverletzt bleiben. Ich sehe, wie die zwei Menschen sich ansehen und zu lachen beginnen, sich umarmen und zusammen fortgehen. Friedlich und fröhlich wie Kinder, die endlich nicht mehr Erwachsene spielen wollen.